Mit dem Totenwagen durch die Felder

Eine Halle hat es auf dem alten Friedhof nie gegeben. Die Verstorbenen wurden zu Hause aufgebahrt und auf die Hardt getragen, in den meisten Fällen von Nachbarn. Je nach Wohnlage war der Begriff „Nachbar“ deshalb dehnbar.
Später gab es den Weg durch die Felder aus Richtung Melbecke, auf den die Kalkwerke hin und wieder Dolomitreste kippten, damit der Totenwagen nicht stecken blieb. Klapprig sei der gewesen, erinnert sich Lieselotte Heydorn.
Das ganze Dorf war bei Beerdigungen auf den Beinen. Rudolf Seidenstücker weiß noch, wie das war: „Mit evangelischem Singen, Aussegnung schon im Haus.“ Je nach dem, an welcher Stelle das Grab lag, musste der Totenwagen mit den Pferden davor auf dem Friedhof gedreht werden – „das ging manchmal ein bisschen aufregend zu, war eine lebendige Sache!“, schmunzelt Seidenstücker.
In Lieselotte Heydorns Kindheit war es üblich, dass sie, verstarb ein Nachbar, nachmittags „Beerdigung ansagen“ musste: von Haus zu Haus schellen, die Träger und das Vorbeten bestellen, „dafür kam ich aber auch auf den Beerdigungskaffee“.
Der fand im Haus des oder der Verstorbenen statt. „Unsere Nachbarin, die war ja auch im Haus aufgebahrt. Die Leiche war noch nicht auf der Bundesstraße, da gingen die Nachbarinnen wieder rein, holten die Böcke raus, wo der Sarg drauf gestanden hatte. Fenster auf, gelüftet, Tisch ran – da wurde Kaffee dran getrunken in dem Zimmer!“

Das Foto zeigt Lieselotte Heydorn, geborene Seidenstücker, und ihren Bruder Rudolf, beide zählen zu den – Zitat – „uralten Evangelen“ Grevenbrücks.

Von Nicole Klappert
SauerlandKurier, 11.12.2016

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