Pastor Schmidt verlässt nach 20 Jahren Grevenbrück

Pastor Heinrich Schmidt

„Gottes Handschrift in meiner Biografie“

Bei Heinrich Schmidt im Pfarrhaus steht an diesem Freitagvormittag das Telefon nicht still: Inzwischen hat auch seine Noch-Gemeinde erfahren, was am Abend zuvor in den Kirchhundemer Gremien verkündet wurde: dass er am 1. März Pfarrer von St. Peter und Paul Kirchhundem und Pfarrer des Pastoralverbundes wird.

Somit tritt er die Nachfolge des erkrankten Pfarrers Georg Wagener an, der Ende 2016 offiziell zurücktrat. Morgen möchte Heinrich Schmidt den Wechsel im Gottesdienst noch einmal ganz persönlich bekanntgeben. Dass die meisten die Neuigkeit aus der Zeitung hatten, bedauert er sehr, schließlich sei eine Gemeinde so etwas wie eine Familie. Am Donnerstagnachmittag erfuhr er selbst von seiner Ernennung zum Pfarrer für Kirchhundem, nachdem er sich erst zu Beginn der Woche beim Bischof beworben hatte.

Am Donnerstag von Ernennung erfahren

Nach Kirchhundem kommt der Geistliche zwar nicht als Fremder, von November 2015 bis November 2016 war er dort als Pfarrstellvertreter und Pfarradministrator tätig. Auch hatte er bereits bei der Stellenausschreibung im November signalisiert, „helfen“ zu wollen. Doch selbst als die Diözese um seine Bewerbung bat, zögerte und zauderte er noch, erzählt Schmidt im Gespräch mit dem SauerlandKurier – um sich dann doch dafür zu entscheiden. Den Wechsel nach 20 Jahren vollzieht Heinrich Schmidt nicht leichten Herzens, das ist ihm anzumerken. Jedoch: „Ich sehe, dass Lennestadt seelsorgerisch gut aufgestellt ist.“ In Kirchhundem, das weiß er, trifft er auf „Aufbrüche, Engagement und guten Willen“. Einer der vielen Anrufe am Freitag erreichte ihn von dort: „Danke, dass Sie zu uns kommen.“ 14 Monate war der Pastoralverbund ohne Pfarrer, „in der Zeit, in der keiner da war, haben viele mit ins Rad gepackt!“

Seine Stelle bleibt nicht unbesetzt

Diese Zeit ist nun fast vorbei. Dass seine Stelle nicht unbesetzt bleibt, weiß Heinrich Schmidt schon. Wer sein Nachfolger wird und ab wann, das steht noch nicht fest. Wann er selbst seine Möbel und die vielen, vielen Bücher packen und das Haus Twiene Nummer 15 räumen wird, das weiß er noch nicht. Bei seinen Überlegungen, mit 54 noch einmal neu anzufangen, spielte auch ein gewisser Abraham eine Rolle, der auf höchstes Geheiß hin mit stattlichen 75 Jahren aus seinem Vaterland auszog: „Ich sehe da auch einen Anruf Gottes.“

Als Heinrich Schmidt 1997 nach Grevenbrück kam, konnte er auf sieben Jahre erfüllte Berufung zurückblicken – wenig im Vergleich zu der Erfahrung, die er nun in Kirchhundem in die Waagschale wirft, um hier Neues zu gestalten.
Seelsorgerisch wird sich nicht viel ändern: „Wenn es mir gelingen kann, eine Gemeinde zusammenzuhalten und zu zeigen, was ihre Mitte ist: Jesus Christus“, dann sei schon viel getan. Obgleich er als leitender Pfarrer alle zwölf Gemeinden anders im Blick haben dürfe.

Heinrich Schmidt verlässt, was er Heimat nennt. Vor 20 Jahren faszinierten ihn an Grevenbrück vor allem die Chöre „Fröhliche Spatzen“ und „Cantiamo“, außerdem eine lebendige Kolpingsfamilie. „Ich habe Menschen in Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen kennengelernt, die sich so eingesetzt haben, die mir nie Probleme gemacht haben. Wir haben große Dinge – auch äußerlich! – bewirken können.“ Ein Beispiel für diese „nie missmutige, sondern immer mit Empathie ausgeübte“ Zusammenarbeit ist die seinerzeit notwendig gewordene Friedhofserweiterung.

Dass Schmidt trotz Dankbarkeit und Vorfreude nun durchaus zwiespältig empfindet, hat nicht nur mit dem Aufbruch ins Ungewisse, sondern mit einer gefühlten Unzulänglichkeit zu tun: „Ich sehe schon, dass ich den Menschen durch Begleitung mehr hätte geben können. Ob ich den 1997 empfundenen Idealismus ganz erfüllen konnte, weiß ich nicht.“

Heinrich Schmidt überlegt kurz. „Menschen haben sich auch an mir gerieben, sind weggeblieben. Auch das sehe ich.“ Im Laufe seiner 20 Jahre in Grevenbrück hat der künftige Kirchhundemer Pfarrer von positiven Aufbrüchen bis hin zu immer weniger werdenden Gottesdienstbesuchern das ganze Spektrum dessen erlebt, was Gemeindearbeit heute ausmacht. Nun freut er sich „auf eine spannende Zeit unter den Vorzeichen einer sich ändernden Welt und sich ändernden Menschen“. Eine Zeit freilich, in der die Kirche an Einfluss verliert („Kann man das sagen“?) und nicht mehr „diese Lobby“ hat.

Der Mann, der in seiner Biografie Gottes Handschrift sieht, möchte diese Botschaft auch nach Kirchhundem tragen – wobei es genau genommen egal sei, wo er die verkünde, denn dass Gott sich anwesend mache im Gelingen wie im Scheitern, im Frommsein wie im Zweifel, das sei universell gültig. 50 Prozent weniger Kirchgänger im Verlauf von zwei Jahrzehnten, das schmerzt ihn. Dabei seien die Menschen nicht glaubensloser geworden, ist Schmidt sicher. Aus seiner Sicht geht es heute eben weniger um den „abrufbaren Glauben“ als um Sinnsuche, was der Seelsorger gerade dann spürt, wenn Menschen etwa durch die Geburt eines Kindes, eine Eheschließung oder einen Sterbefall im positiven wie im negativen Sinne erschüttert werden: „Wenn ich als Pfarrer da eine Hilfe sein kann …“

Glaubenszugehörigkeit, da ist er sicher, beschränkt sich nicht mehr auf Pfarreien, von der Diözese geschaffene Möglichkeiten wie das Geistliche Zentrum auf dem Kohlhagen seien „einfach toll“.

Menschen sind nicht glaubensloser

Dass es vom Weniger immer mehr gibt, das ist Pastor Schmidt klar: immer weniger Kirchgänger, immer weniger kirchliche Eheschließungen, immer weniger Taufen. „Ich könnte jammern und klagen. Aber das ist doch die Zeit, in der Gott wirken will. Er hat die Menschen nicht weniger lieb als vor 50 Jahren, zu den großen Zeiten der Kirche.“

Von Nicole Klappert – Sauerlandkurier vom 21.01.2017

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